Azteken: Der Adler auf dem Kaktus


Azteken: Der Adler auf dem Kaktus
Azteken: Der Adler auf dem Kaktus
 
Nicht ganz zu Unrecht verdankt Mexiko seinen Namen dem Volk der Mexica - besser als Azteken bekannt -, die in den letzten Jahrzehnten vor der spanischen Eroberung selbst ein Eroberungsreich errichteten, das wenigstens im Kern als erster Vorläufer des heutigen Nationalstaats betrachtet werden kann. Allerdings waren die Azteken keines der alten Kulturvölker Mesoamerikas. Sie zählten vielmehr zu jenen Bevölkerungen am Rand der Zivilisation, die, angelockt vom Glanz und Reichtum der Städte, in nachklassischer Zeit ins Hochtal von Mexiko vordrangen, um das klassische Hochkulturerbe zu übernehmen.
 
Ihren eigenen Überlieferungen nach war es ihr Stammesgott Huitzilopochtli (»Kolibri des Südens«, im Deutschen auch verballhornt zu »Vitzliputzli«), der die Azteken aus ihrer mythischen Heimat Aztlan im Norden geführt hat. Er habe sie geheißen, an einem Ort zu siedeln, wo ein Adler mit einer Schlange in seinen Fängen auf einem Feigenkaktus sitzt, der aus einem Stein wächst. Auf einer Insel im Texcocosee sollen die Azteken im Jahr 1345 nach langen Irrwegen ihre Hauptstadt Tenochtitlán (»am Feigenkaktus auf dem Stein«) errichtet haben. Tatsächlich aber hatten sie sich wohl schon länger im Hochtal aufgehalten, und zwar als Teil der Chichimeken (»Hundesöhne«), die am Fall der Toltekenstadt Tula beteiligt waren, der nach dem Ende von Teotihuacán führenden Regionalmacht. Kluge Politik, etwas Glück und die Hilfe alter Eliten verhalfen den Azteken zum Sieg in den Nachfolgekriegen.
 
Als letzte in einer langen Traditionsreihe bildete die aztekische Kultur in gewisser Weise die Summe alles bisher Dagewesenen. Kaum sonstwo wird dies so deutlich wie im Tempelbezirk von Tenochtitlán. Dieser wurde von der großen Doppelpyramide beherrscht, deren Reste heute im Stadtzentrum von Mexiko neben Kathedrale und Nationalpalast als Symbol der vorspanischen Wurzeln Mexikos zu sehen sind. Einer der beiden Tempel war dem eigenen Stammes- und Kriegsgott Huitzilopochtli gewidmet, der andere dem Regengott Tlaloc, der bereits zu Zeiten der Teotihuacán-Kultur verehrt worden war wie Quetzalcoatl, in dem sich die Figuren des göttlichen Kulturbringers und des Windgottes verbanden. Tezcatlipoca, »Rauchender Spiegel«, galt als gefährlicher Zauberer und Gegenspieler des Quetzalcoatl; der schwarze Obsidianspiegel, den er am Fuß trug - Priester benutzten derartige Spiegel zu Wahrsagezwecken -, trug ihm seinen Namen ein. Zugleich verkörperte er die Unberechenbarkeit der Götter, die das fatalistische Weltbild der Mesoamerikaner prägte. Auch die Götter der unterworfenen Völker waren in Tenochtitlán vertreten, wohin man sie sicherheitshalber verschleppt hatte.
 
Die Tempel waren Schauplatz der vom Ritualkalender bestimmten Zeremonien, in denen Priester Götter verkörperten. Die Opferung von Kriegsgefangenen, deretwegen unablässig Kriege geführt wurden, spielte in diesen Zeremonien eine zentrale Rolle. Der Sonnengott Tonatiuh, der Patron der Kriegerbünde der »Adler« und »Jaguare«, wurde mit den Herzen der Opfer gestärkt, damit er die Wiederkehr der Sonne gewährleiste. Die Priester des Gottes Xipe Totec zogen den Geopferten die Haut ab und legten sie selbst wieder an - als Symbol für die Erneuerung der Vegetation. Was den spanischen Eroberern als Menschenopfer erschien, war für die Azteken Götteropfer, denn die Gefangenen verkörperten im Opfergeschehen den Gott selbst. Neben diesem Staatskult, dem auch die steinernen Abbilder der Götter dienten, gab es eine Volksfrömmigkeit, in der Mutter- und Fruchtbarkeitsgottheiten besonders verehrt wurden.
 
Die Priesterschaften waren Teil der adligen Oberschicht einer Klassengesellschaft und wurden in eigenen Schulen zu Schriftgelehrten ausgebildet. Aus dem Kreis der anderen Nachkommen der Dynastiegründer rekrutierten sich die Inhaber öffentlicher Ämter, einschließlich des Amtes des Herrschers, der an der Spitze eines vierköpfigen Staatsrats stand. Die breite Masse der Bevölkerung waren Bauern, deren Wirtschaftsleistung die Prachtentfaltung der Eliten ermöglichte, und Handwerker, die in den Städten Luxusgüter für die Oberschicht herstellten. Sie waren oft ebenso fremder Abkunft wie die Fernhändler, deren Beruf sie zur Ausspähung in der Fremde qualifizierte, und die durch ihren Reichtum auch zu hohem Ansehen gelangten. Am unteren Ende der sozialen Skala rangierten die Sklaven, die als Schuldner zu zeitlich beschränktem Frondienst verpflichtet waren. Kleidung und Schmuck bildeten die sichtbaren Unterscheidungsmerkmale der sozialen Stellung, die Männer vor allem durch herausragende Kriegsleistungen verbessern konnten. So drückte sich etwa die Rechtlosigkeit der Sklaven durch ihre Nacktheit aus.
 
Das zuletzt rund 200 000 Seelen zählende Tenochtitlán stand (mit Texcoco und Tlacopán) an der Spitze eines Dreibunds benachbarter Stadtstaaten, die im Verlauf des letzten Jahrhunderts vor der spanischen Eroberung ihren Einfluss bis ins Grenzgebiet von Guatemala im Süden ausgeweitet hatten. Die unterworfenen Regionen machte man tributpflichtig, und man regierte sie mittels indirekter Herrschaft. Die schweren Steuerlasten wurden meist in Form von lokal typischen Rohstoffen, Halbfertig- oder Fertigprodukten (wie Federn, Grünstein, Honig, Baumwollstoffen oder Kleidungsstücken) beglichen und in die Hauptstadt gebracht. In der unmittelbaren Umgebung Tenochtitláns bestand der Tribut aus Nahrungsmitteln. Das Wachstum der Stadt hatte vor den Grenzen der Insel, die über drei Dammstraßen mit dem Festland verbunden war, keinen Halt gemacht. Entwässerungskanäle und Erdaufschüttungen schufen neues Bau- und Anbauland. Vorstädte entstanden auf kleineren Inseln entlang des Seeufers. Tenochtitlán, dessen Bevölkerung zu mehr als der Hälfte bäuerlich war, bestand aus gemauerten Stein- und Lehmziegelhäusern und war in vier Stadtviertel mit pulsierenden Märkten unterteilt, die das von einer Mauer eingegrenzte religiöse und politische Zentrum mit seiner großen Prachtentfaltung umschlossen. Den spanischen Konquistadoren erschien dieses geordnete Gemeinwesen mit seinen Reichtümern wie ein märchenhafter Traum. Ihre Zerstörung der aztekischen Herrschaft und ihrer Eliten besiegelte das Ende von drei Jahrtausenden mesoamerikanischer Hochkulturentwicklung. Der Traum war zu Ende.
 
Prof. Dr. Christian F. Feest
 
 
Alcina Franch, José: Die Kunst des alten Amerika. Aus dem Französischen. Freiburg im Breisgau u. a. 21982.
 
Die Indianer. Kulturen und Geschichte, Band 2: Münzel, Mark: Mittel- und Südamerika. Von Yucatán bis Feuerland. München 51992.
 Lavallée, Danièle und Lumbrerars, Luis Guillermo: Die Andenvölker. Von den frühen Kulturen bis zu den Inka. Aus dem Französischen und Spanischen. München 1986.

Universal-Lexikon. 2012.

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